Unterrichtsausfall, Lehrermangel, Klassengrößen – Offener Austausch zum Schuljahresbeginn

Beitrag von Rüdiger Christ

Wenige Tage vor Beginn des neuen Schuljahres trafen sich Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrer, kommunale Vertreter und der Thüringer Bildungsstaatssekretär Dr. Bernd Uwe Althaus (CDU), zu einem Schulleiterstammtisch im Saal des Schlosses Dermbach. Eingeladen hatte der CDU-Landtagsabgeordnete Martin Henkel, der damit den direkten Austausch über die aktuelle Situation der Schulen in seinem Wahlkreis ermöglichen wollte.

Henkel freute sich besonders, dass Bildungsstaatssekretär Dr. Bernd Uwe Althaus der Einladung nach Dermbach gefolgt war. Neben den Vertretern der Schulen waren auch Bürgermeister und kommunale Verantwortliche aus der Region eingeladen. Dazu gehörten unter anderem Dermbachs Bürgermeister Thomas Hugk (CDU), der Bürgermeister der Krayenberggemeinde Peter Neumann(pl), Geisas Bürgermeisterin Manuela Henkel (CDU) sowie die Erste Beigeordnete der Stadt Vacha, Daniela Tischendorf (CDU).

Auf Seiten der Schulen nahmen unter anderem Volker Junghans, Leiter des Förderzentrums „Marianne Frostig“ in Dorndorf, Jens Jahn, Schulleiter der Regelschule Geisa, Beate Dittmar, Schulleiterin des Gymnasiums Vacha, Liane Ritzman, Schulleiterin des Gymnasiums Bad Salzungen, Birgit Vogel Schulleiterin der Krayenbergschule Tiefenort, sowie Sarah Langer, Lehrerin an der Grundschule Vacha, teil. Ebenfalls vertreten war Carsten Seelig, Leiter der Schulverwaltung des Wartburgkreises.

Bildungsstaatssekretär Dr. Althaus, links und Martin Henkel, MdL

„Die Situation ist angespannt“

Zur Begrüßung machte Martin Henkel deutlich, dass die Situation an vielen Thüringer Schulen angespannt sei. Besonders der Unterrichtsausfall bereite ihm Sorgen. Gleichzeitig verwies er auf die Bedeutung einer guten schulischen Bildung für die wirtschaftliche Entwicklung des Freistaates.

Die Thüringer Wirtschaft habe große Probleme, geeignete Nachwuchskräfte zu finden. Schwierigkeiten beim Bildungsstand vieler Schulabgänger wirkten sich zunehmend auch auf die anschließende berufliche Ausbildung aus, so Henkel.

An diesen Punkt knüpfte Dr. Bernd Uwe Althaus unmittelbar an. Der Bildungsstaatssekretär, der seit Dezember 2024 dem Thüringer Bildungsministerium angehört, machte gleich zu Beginn deutlich, dass er nicht gekommen sei, „um eine Sonntagsrede zu halten“.

Man befinde sich in einer „schwierigen, aber spannenden Zeit“.

Althaus sprach offen über die Probleme im Thüringer Schulwesen und sagte ausdrücklich: „Ich möchte den Unterrichtsausfall nicht schönreden.“ Unterrichtsausfall von 20 Prozent und mehr an einzelnen Schulen bezeichnete er als „Katastrophe“.

Für ihn steht außer Frage, dass Bildung eine wesentliche Grundlage für die wirtschaftliche Stärke eines Landes ist. Gleichzeitig müsse man sich Sorgen um die grundlegenden Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler machen.

„Wir müssen uns ernsthafte Sorgen machen um die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen“, so Althaus.

Jens Jahn, Schulleiter Regelschule Geisa

Lesekompetenz als zentrale Grundlage

Positiv bewertete der Staatssekretär unter anderem das inzwischen an Thüringer Grundschulen eingeführte „Leseband“. Dabei handelt es sich um ein täglich fest verankertes 20-minütiges Lesetraining, mit dem insbesondere die Leseflüssigkeit und Lesemotivation systematisch gefördert werden sollen.

Für Althaus sind solche Maßnahmen wichtig, um grundlegende Kompetenzen frühzeitig zu stärken. Denn wer Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen habe, stoße später auch in zahlreichen anderen Unterrichtsfächern auf Probleme.

Beate Dittmar, Schulleiterin Gymnasium Vacha,

Demografische Entwicklung bleibt Herausforderung

Eine weitere große Herausforderung sieht Althaus in der demografischen Entwicklung Thüringens. Bis etwa 2040 müsse sich der Freistaat auf eine demografische „Durststrecke“ einstellen. Die Schülerzahlen würden zunächst weiter zurückgehen, bevor möglicherweise wieder ein Anstieg einsetze.

Gleichzeitig verwies der Staatssekretär auf die aktuellen Bemühungen, die Zahl der Lehrkräfte zu erhöhen. Nach seinen Angaben seien zum neuen Schuljahr rund 1.300 Lehrkräfte neu eingestellt worden, während etwa 930 Lehrkräfte aus dem Schuldienst ausgeschieden seien.

Die aktuell veröffentlichten Zahlen des Bildungsministeriums liegen bei 1.356 Neueinstellungen und 934 Abgängen. Dennoch bleiben weiterhin zahlreiche Lehrerstellen unbesetzt.

Althaus warb deshalb unter anderem für Seiteneinsteiger, da eine reguläre Lehrerausbildung naturgemäß viele Jahre dauere. Auch sogenannte Clusterbildungen zwischen Schulen könnten nach seiner Auffassung helfen, vorhandene personelle Ressourcen besser zu nutzen und Unterrichtsangebote langfristig abzusichern.

Liane Ritzman, Schulleiterin Gymnasium Bad Salzungen

Schulleiter schildern die Probleme vor Ort

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass zwischen den politischen Zielsetzungen und dem Alltag an den Schulen teilweise noch eine erhebliche Lücke besteht.

Volker Junghans, Leiter des Förderzentrums „Marianne Frostig“ in Dorndorf, kritisierte insbesondere die aus seiner Sicht zu hohen Schülerzahlen in den Klassen. Zudem bemängelte er, dass ein großer Teil der Neueinstellungen in Mittelthüringen erfolge und die Schulen in der Region dadurch nicht ausreichend profitieren würden.

Dr. Althaus entgegnete, dass jede frei gewordene Lehrerstelle grundsätzlich wieder besetzt werde.

Auch Jens Jahn, Schulleiter der Regelschule Geisa, sprach die langfristige Entwicklung des Lehrpersonals an. Über viele Jahre seien in Thüringen zu wenige neue Lehrer eingestellt worden. Diese Versäumnisse wirkten sich heute noch aus. Auch das Karriereportal des Landes wurde kritisch angesprochen.

Beate Dittmar, Schulleiterin des Gymnasiums Vacha, schilderte ebenfalls konkrete Schwierigkeiten bei der Gewinnung neuer Lehrkräfte. Bewerber müssten teilweise zu lange auf eine verbindliche Zusage durch das Staatliche Schulamt Westthüringen warten. Auch beim Karriereportal sieht sie Verbesserungsbedarf.

Dittmar kritisierte außerdem die teilweise hohen Klassenstärken. Schülerinnen und Schüler würden deshalb teilweise auch Schulen im benachbarten Hessen besuchen. Sorgen bereiten ihr darüber hinaus Versetzungsanträge von Lehrkräften, die angesichts der derzeitigen Situation nicht wüssten, wie es an ihren Schulen weitergeht.

Carsten Seelig, Leiter der Schulverwaltung Wartburgkreis,

Schulen im ländlichen Raum stärken

Liane Ritzman, Schulleiterin des Gymnasiums Bad Salzungen, forderte eine stärkere Unterstützung der Schulen im ländlichen Raum.

Kritisch sah sie unter anderem, dass angekündigte neue Lehrpläne nun offenbar nicht rechtzeitig zum neuen Schuljahr zur Verfügung stehen. Auch der Umgang mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt die Schulen. Hier seien klare Regeln und Orientierung notwendig, wie Schülerinnen und Schüler KI sinnvoll und verantwortungsvoll nutzen können.

Ritzman verwies zudem auf Probleme bei einzelnen Abiturprüfungen, bei denen aus ihrer Sicht fehlerhafte Antworten beziehungsweise Aufgabenstellungen für zusätzliche Schwierigkeiten gesorgt hätten.

Um die Auswirkungen des Lehrermangels und des Unterrichtsausfalls zumindest teilweise abzufedern, leisten Lehrerinnen und Lehrer an ihrer Schule freiwillig zusätzliche Unterrichtsstunden.

Sarah Langer, Lehrerin an der Grundschule Vacha, rechts

„Den Eltern ist Angst und Bange“

Besonders persönlich wurde die Diskussion, als Sarah Langer, Lehrerin an der Grundschule Vacha und selbst Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern, die Situation aus Eltern- und Lehrersicht schilderte.

Sie sprach den Unterrichtsausfall an der Schule an, die auch ihre eigenen Kinder besuchen. Besonders problematisch sei der Ausfall im Fach Chemie.

„Den Eltern ist dadurch Angst und Bange“, beschrieb Langer die Sorgen vieler Familien.

Deutlich wurde damit, dass Unterrichtsausfall längst nicht mehr nur eine schulorganisatorische Frage ist. Für Eltern geht es um die Bildungschancen ihrer Kinder und um die Frage, ob der notwendige Unterrichtsstoff tatsächlich vermittelt werden kann.

Auch Birgit Vogel Schulleiterin der Krayenbergschule Tiefenort, brachte eine ganz konkrete Frage aus dem Schulalltag auf den Tisch: Wie sollen Schülerinnen und Schüler im Fach Englisch eine mündliche Prüfung erfolgreich absolvieren, wenn gleichzeitig aufgrund fehlender Unterrichtsstunden wichtige Unterrichtszeit fehlt?

Birgit Vogel, Schulleiterin RS Krayenbergschule Tiefenort

Grenzregion braucht mehr Zusammenarbeit

Manuela Henkel, Bürgermeisterin der Stadt Geisa, lenkte den Blick über die einzelnen Schulen hinaus auf die besondere Situation der Städte und Gemeinden entlang der hessisch-thüringischen Landesgrenze.

Wenn junge Menschen langfristig in den Thüringer Kommunen gehalten werden sollen, müsse die Zusammenarbeit über kommunale Grenzen hinweg verstärkt werden.

Gerade in einer Grenzregion wie dem Wartburgkreis sei es wichtig, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, anstatt die Konkurrenz um Schüler, Familien und Fachkräfte den einzelnen Kommunen zu überlassen.

Tomas Hugk, Bürgermeister Dermbach und Maunela Henkel, Bürgermeisterin Geisa

Ein Staatssekretär mit eigener Schulerfahrung

Dr. Bernd Uwe Althaus konnte bei der Diskussion auch aus eigener langjähriger Erfahrung berichten. Der 1963 in Heilbad Heiligenstadt geborene Pädagoge studierte Mathematik und Physik für das Lehramt und promovierte später im Bereich der theoretischen Physik.

Von 1987 bis 1990 war er selbst Lehrer in Leinefelde, anschließend bis 2005 Schulleiter verschiedener Schulen in Leinefelde. Danach leitete er das Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) und war später Leiter des Staatlichen Schulamtes Nordthüringen.

Seit Dezember 2024 ist Althaus Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Er ist zudem der jüngere Bruder des ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten Dieter Althaus.

Seine berufliche Laufbahn – vom Lehrer über den Schulleiter bis zum Schulamtsleiter und Staatssekretär – gibt ihm dabei einen ungewöhnlich direkten Einblick in die unterschiedlichen Ebenen des Thüringer Bildungswesens.

 

Zwei Stunden intensive Diskussion

Nach mehr als zwei Stunden intensiven Austauschs zog Martin Henkel ein positives Fazit. Der Unterrichtsausfall sei einer der besonders besorgniserregenden Schwerpunkte, der auch künftig genau beobachtet werden müsse.

Henkel schlug vor, den Schulleiterstammtisch zeitnah zu wiederholen. Der Vorschlag stieß auf allgemeine Zustimmung.

Auch Dr. Althaus bedankte sich für die offene, aber zugleich faire Diskussion und erklärte sich bereit, erneut nach Dermbach zu kommen.

Fazit

Damit könnte der erste Schulleiterstammtisch dieser Art durchaus mehr sein als eine einmalige Gesprächsrunde. Denkbar wäre ein regelmäßiges Format, bei dem Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrerinnen und Lehrer, Kommunalvertreter und politische Entscheidungsträger miteinander ins Gespräch kommen und bei weiteren Treffen nicht nur über Probleme sprechen, sondern auch überprüfen, ob angekündigte Maßnahmen tatsächlich Verbesserungen im Schulalltag bringen.

Denn eines wurde an diesem Abend ebenfalls deutlich: Trotz aller Probleme und Schwierigkeiten gibt es an den Schulen der Region zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer, die sich Tag für Tag mit großem Engagement und viel Herzblut für ihre Schülerinnen und Schüler einsetzen. Dieses Engagement verdient Anerkennung und Respekt.